Keine Sorge

Menschen werden mit allen möglichen Dingen und Tieren verglichen. Manche Vergleiche sind eine Ehre, andere ein Spott. Jesus vergleicht den Menschen mit den Vögeln des Himmel und den Lilien des Feldes. Der Vergleich ist wegen des poetischen Wortlauts berühmt. Zugleich ist er berüchtigt, weil er wie eine Anleitung zur Verantwortlungslosigkeit klingt: »Sorgt euch also nicht um den morgigen Tag, denn der morgige Tag wird für sich selber sorgen. Jeder Tag hat genug an seiner eigenen Last.« (Matthäus 6,34) Es gibt Menschen, die diesem Rat nachleben, indem sie um gar nichts besorgt sind. Sie lassen sich von irgendwelchen Netzen, zum Beispiel vom Sozialstaat, auffangen. Sind vielleicht sie die wahren Kinder Gottes?
Ein Appell zur Untätigkeit würde freilich schlecht zur Bibel passen. Gemäss der Schöpfungsgeschichte soll der Mensch im Schweisse seines Angesichts sein Brot essen. Die Arbeit kommt auch in vielen Gleichnissen Jesu vor, und Paulus schreibt an die Thessalonicher den stachligen Satz: »Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen.« (2. Thessalonicher 3,10) Dass man für sein Auskommen sorgt, ist also schon richtig.
Jesus geht es um die Restsorge. Trotz allem Eifer für eine sichere Zukunft bleibt eine Portion Ungewissheit. Sie bildet den Nährboden für die sorgenvolle Unruhe, die sich der Seele bemächtigen kann. Auch der Vergleich mit anderen Menschen treibt diese Unruhe an: Ich sehe, dass andere erfolgreicher und beliebter sind als ich. Jesus dreht nun meine Blickrichtung sanft von den Menschen weg auf die frei lebenden Vögel und die wild wachsenden Blumen. Verweile einen Moment und vergleiche dich mit ihnen! Du wirst dich irgendwann wundern, dass solches Leben möglich ist. Es muss einen geben, der für das Gedeihen sorgt. Und derjenige, der diese wunderbaren Phänomene hervorbringt und am Leben erhält, kennt und erhält auch dich. Nimm´s also locker und lass dir den Tag nicht vermiesen durch die Sorge um morgen. Denn »seid ihr nicht mehr wert als sie?«. (Mat 6,26)

Weltwoche 8/2017

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