Leben retten

“Wer sein Leben retten will, wird es verlieren.” (Markus 8,35a) – Seit 200 Jahren hat sich die Lebenserwartung nahezu verdreifacht und die Weltbevölkerung ist von einer auf über 6 Milliarden Menschen gestiegen. Damit einher geht weltweit eine enorme Steigerung der Lebensqualität. Angesichts dieser Lebensrettungen und Gewinne scheint der Satz von Jesus unverständlich.
Verständlicher wird er, wenn man in Betracht zieht, dass wir Menschen trotz aller zeitlichen und räumlichen Ausdehnung sterblich geblieben sind. Todesgefahr und Tod treffen uns sogar empfindlicher, seitdem die meisten Krankheiten und Unfälle entschärft sind. Unsere Vorfahren waren oftmals im Wochentakt mit dem Tod konfrontiert und daher empfänglich für den Gedanken, dass der Tod nicht das letzte Wort hat. Die Hoffnung auf die Auferstehung der Toten gehört zum Kern des Evangeliums.
Atheisten erscheint sie als billiger Trost für Menschen, welche die Widerwärtigkeiten des Daseins nicht aushalten. Spielarten solch billigen Trostes gibt es tatsächlich. Aber nicht nur unter Christusgläubigen. Besonders auch Atheisten sind anfällig auf diesseitige Utopien und totalitäre Veränderungsprojekte. Weltverbesserer entdecken rundum Handlungsbedarf. Gläubige – auch unbewusst Gläubige – dagegen staunen über die Welt, das Leben, ihre Erfahrungen.
Mit der Ausdehnung des menschlichen Lebens wird die Grenze zum Tod länger. Vielleicht sind wir deshalb so eifrig darum bemüht, die Symptome der Vergänglichkeit und des Zerfalls zu tilgen. Sein Leben nicht unter allen Umständen erhalten zu wollen, vermittelt jedoch mehr Gleichmut angesichts der Grenzen, die uns gesetzt sind. Und nebenbei mehr Aufmerksamkeit für tierisches und pflanzliches Leben. Immerhin sterben jeden Tag 50 bis 120 Arten endgültig aus – und der Mensch wirkt dabei gehörig mit. Entspannung ist weniger von öko-politischen Befehlen zu erwarten als von einer kleinen Veränderung in den Köpfen: Das Leben hier und jetzt muss nicht restlos alle Wunschphantasien erfüllen.

Weltwoche 6/2017

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