Die Genüsse und das Seelenheil

Der HERR ist mein Hirt, mir mangelt nichts,
er weidet mich auf grünen Auen.
Zur Ruhe am Wasser führt er mich,
neues Leben gibt er mir.
Er leitet mich auf Pfaden der Gerechtigkeit
um seines Namens willen.
Wandere ich auch im finstern Tal,
fürchte ich kein Unheil,
denn du bist bei mir,
dein Stecken und dein Stab,
sie trösten mich.
Du deckst mir den Tisch
im Angesicht meiner Feinde.
Du salbst mein Haupt mit Öl,
übervoll ist mein Becher.
Güte und Gnade werden mir folgen
alle meine Tage,
und ich werde zurückkehren ins Haus des HERRN
mein Leben lang.
Psalm 23

Dieser einfache und weithin bekannte Psalm ist problemlos. Viele haben ihn einst auswendig gelernt, und es gibt schöne Vertonungen davon. Das Lied weckt Zustimmung und verbreitet Vertrauen. Es spricht für sich und braucht keine Auslegung. Gerade darin steckt auch ein Protestpotential. Martin Luther wollte einmal diesen Psalm, der schon damals die Menschen berührte, vor dem Nachtessen kurz auslegen. So bei der Tischandacht. Seine Auslegung wurde dann länger, und es wurde Nacht darüber. Manche Leser haben diesen Psalm vielleicht auch an einem Abend zum ersten Mal gehört. Er eignet sich als Abendgebet für Kinder und ist in entsprechenden Büchern abgedruckt. Er ist offenbar so einfältig im besten Sinne, dass ihn schon Kinder beten und verstehen können. Vielleicht verstehen es sogar Kinder am besten, wenn es heisst: “Der HERR ist mein Hirt, mir mangelt nichts” – und dann verstehen es erst wieder die Kranken und Sterbenden. In Krankheitstagen, wenn die Schatten des Todes aufsteigen, ist es naheliegend, zu beten: “Wandere ich auch im finstern Tal, fürchte ich kein Unheil, denn du bist bei mir.” – Diese Worte sprechen auch dann noch an, wenn andere Kontakte abbrechen.
Also ein Lied für die Nacht? Für die harmlose Nacht, vor der sich die Kinder fürchten, und für die letzte Dämmerung, vor der sich jeder ängstigt? Ganz gewiss ist der Psalm 23 ein gutes Lied für die Nacht, vor allem für die Nächte, wo Schlafstörungen anzeigen, dass uns vielleicht etwas fehlt. Ein Lied für Kinder und für Sterbende. Aber gerade deshalb auch ein Lied für das Leben. Denn nur was im Leben besteht, eignet sich auch als für die Ohren der Kinder. Und nur was im Leben hilft, hilft auch im Sterben.
Schliesslich strotzt dieses fromme Lied geradezu von Sinnlichkeit. Im Hebräischen, also der Ursprache des Alten Testaments, strotzt es noch mehr. Da merkt man nur gerade beim ersten und beim letzten Vers, dass es fromm ist. Zwar redet der ganze Psalm von Gott. Aber er tut es so, dass dabei die Vorzüge der Welt in den Vordergrund treten. Sinnliche Genüsse und Seelenfrieden lassen sich hier nicht voneinander trennen. Und der vielbeschworene Gegensatz zwischen Hören und Sehen – christlich müsse man hören und heidnisch dürfe man sehen – erweist sich hier als unhaltbar. Wer die Worte des Psalms hört, sieht zugleich saftige grüne Auen, dahinfliessende frische Wasser, zufriedene blökende Schafe, wohlbehütet vom Hirten. Das alles macht den Eindruck einer friedlichen Welt. Diese Welt ist harmonisch und fast geradezu romantisch. Nur von ferne klingen wie ein Donnergrollen andere Töne an. Es ist die Rede von einem finsteren Tal, und von einem Stecken, genauer gesagt einer vermutlich eisenbeschlagenen Keule, die der Schäfer braucht, um seine Herde gegen Angriffe wilder Tiere zu verteidigen.
Dann wechselt das Bild wie bei einer guten Powerpoint-Präsentation. Es wird menschlich, bleibt aber ganz weltlich und sinnlich: Ein reich gedeckter Tisch und ein grosszügiger Wirt, der seinem Gast randvoll Wein einschenkt. Geradezu barbarisch, auf jeden Fall nicht so, wie es sich im Restaurant gehört. Auch hier klingt ein Nebenton an, der sogar bedrohlich ist: Die Bewirtung geschieht “im Angesicht meiner Feinde”. Im Angesicht der Feinde zu schlemmen, ist ungemütlich. Schauen die Feinde zu, so könnte mir das den Appetit verderben. Aber den Psalmdichter scheinen die feindlichen Blicke nicht zu stören. Selbst im Angesicht seiner Feinde geniesst er sein Mahl und freut sich seines Lebens. Er hat mehr als genug und geniesst es in vollen Zügen. Eine alte Berner Bibelübersetzung schrieb an dieser Stelle: du schenkst mir schwibbeli-schwabbeli-voll ein. Gläser kippen bis zum Schwips, hört man da heraus. Da sind wir auch gerne dabei, sofern uns am anderen Tag kein Kater einholt.
Alles sehr bildhaft! Etwas zum Anschauen. Aber was da so anschaulich wird, das ist Gott selber. So, wie es hier erzählt wird, verhält es sich mit Gott. Also wie mit dem Gastwirt, der seinen Gästen schwibbeli-schwabbeli-voll einschenkt. Einen solchen Wirt kann man weiterempfehlen. Verhält es sich aber so mit Gott, so hat unser Glaube offensichtlich etwas mit der konkreten Freude zu tun. Oder vielleicht noch etwas gewagter gesagt: Man kann gar nicht an Gott glauben, ohne die Freuden der Welt kräftig zu geniessen. Er hindert uns jedenfalls nicht daran. Er ist alles andere als ein missgünstiger Feind weltlicher Freude. Es war verhängnisvoll, als die Alte Kirche lehrte, man dürfe die Welt nicht geniessen; nur Gott dürfe man geniessen. Denn wir wissen ja wie die Menschen sind: Sie haben dennoch genossen, aber mit schlechtem Gewissen. Manchmal im Verborgenen. Irgendwann bricht es aus dem Verborgenen bei Überdruck hervor, und der Genuss droht nun umgekehrt zum Gott zu werden. Das ist eine schlechte, eine miserable Alternative. Es gehört zum Anschauungsunterricht unseres Psalms, dass wir den Genuss weltlicher Freuden und den Glauben an Gott nicht zu Konkurrenten werden lassen. Es ist geradezu ein Merkmal christlichen Glaubens, dass man die guten Seiten des Lebens und seine Höhepunkte mit gutem Gewissen geniessen kann. Dann ist Gott endlich kein Konkurrent der Welt mehr. Nur wer die Welt geniessen kann, kommt der Tatsache auf die Spur, dass Gott mehr ist als Himmel und Erde.
Man stelle sich vor, dieses Lied würde heute als Neudichtung im Feuilleton einer Zeitung publiziert. Die Kritik wäre nicht zu bremsen. Die supervernünftigen und korrekten Kommentatoren würden es abstempeln mit dem säuerlichen Einwand, so etwas sei heute nicht mehr möglich. Die Korrektheit funktioniert ja inzwischen wie ein Index ohne Kirche, einfach aus dem Bedürfnis nach Selbstzensur heraus. Der Mensch neigt zum Moralismus, und der Moralismus ist grundsätzlich ein plumpes Rollenspiel. Sich freuen ist verpöhnt, weil es Menschen gibt, die leiden. Nur: Wenn ich diese Menschen auf Bildern sehe, so fällt mir meistens auf, dass sie lachen. Am meisten lachen die, die nichts zu lachen haben. Was ist ihr Geheimnis? Wohl das, dass sie auf kindliche Weise wissen, dass einer bei ihnen ist, der alles überragt. “Mir mangelt nichts” sagen sie zwar nicht, denn sie kennen ihren Mangel. Uns mangelt es an ganz anderen Dingen als ihnen. Aber gerade wenn wir unsere Mängel anschauen, wenn uns erbärmlich zumute wird, dann bewährt sich die Einfalt dieses Psalms. Wer angesichts der Gegenwart Gottes einfältig aufatmet, der hat den Dank-, Buss und Bettag verstanden.

Zürcher Bote, Bettag 2012, mit Anleihen bei Eberhard Jüngel

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