»Ich will meinen Mund nicht zügeln«

Von der Freiheit des Gebets im Blick auf Hiob 7,11-21
Der Dank-, Buss- und Bettag wurde im 19. Jahrhundert von den staatlichen Behörden eingeführt, um die Leute zur Besinnung zu bewegen. Für den Dank haben wir heute viel mehr Gründe als damals. Die Busse scheint etwas weiter weg zu sein. Busse ist ein kritisches Nachdenken über sich selbst. Sie mündet in Selbsterkenntnis und vielleicht in Korrekturen. In der biblischen Sprache ist Busse aber zugleich ein Aufatmen darüber, dass nicht alles verloren ist, und dass Gott uns auf schwierigen Wegen begleitet.
Zum Gebet gehört mitunter auch die Klage. Trotz allen Annehmlichkeiten scheint sie dem heutigen Menschen nahe zu liegen. Die Klage entspringt der Unzufriedenheit. Die Unzufriedenheit kann gute Gründe haben – oder auch gar keine. Hiobs Klage stieg aus einer echten Not empor. Kann man so hemmungslos mit Gott reden? Bei meinem eigenen Gebet fällt mir manchmal auf, dass ich nach Worten suche, die Gott angemessen sind. Aber unser Gebet muss nicht allein dem hörenden Gott, es muss auch der Lage entsprechen. »Ich will meinen Mund nicht zügeln«, sagt Hiob. Und die Lage kann – wie bei ihm – eine Misere voller Verzweiflung sein. Durch Unglücksfälle und Verbrechen hatte er zuerst seine Habe verloren, dann die Knechte, sogar Söhne und Töchter, und schliesslich seinen Wohlstand. Und wie es manchmal geht, so auch hier: In der Not geriet er in Streit mit seiner Frau. Dieser Mann hatte wirklich den Boden unter den Füssen verloren.
Die Geschichte Hiobs ist ein Beispiel dafür, wie Menschen bei aller Gottestreue unter die Räder des Schicksals geraten können. Bevor die Geschichte von Hiob erzählt wurde, war die Auffassung verbreitet, jede Misere sei die Folge von Sünde. Diese Auffassung vertreten auch Hiobs Freunde, seine unseligen Seelsorger. Aber Hiob musste ja bloss für ein Experiment des Satans herhalten. Der Satan wollte beweisen, dass Hiob gottlos würde, sobald es ihm schlecht erginge. Zu diesem Zweck erhielt er von Gott die Erlaubnis, Hiob zu testen und ihn mit Schicksalsschlägen zu misshandeln.
Doch Hiob blieb Gott treu. Was sich veränderte, war sein Denken. Seine Worte zeigen, dass er genug hat. Genug von der Welt, die ihm einst so lieb war, wo er Erfolge erzielte und Reichtümer anhäufte. Was immer er anschaut, erinnert ihn an Verluste und Niederlagen. Davon hat er genug. Und er hat genug von den Lebenstagen, von denen er einst jeden einzelnen genoss, als Haupt einer grossen Familie und eines umfangreichen Unternehmens: Sieben Söhne und drei Töchter, 7000 Schafe und 3000 Kamele, 500 Joch Rinder und 500 Eselinnen, dazu eine Schar von Angestellten. Das waren Glanzzeiten in Hülle und Fülle. Und es waren Tage, wo das Leben wie im Flug verging. Doch jetzt sind die Tage dünn, und komischerweise vergehen sie nur noch langsam. Mühsam und trostlos schleppt er sich dahin. Auch von seinen Freunden hat Hiob genug. Was gibt es sonst wertvolleres als sie? Freunde haben heisst verstanden und angenommen sein. Doch in Leid und Schicksalsschlägen können Freundschaften versanden. Hiobs Freunde waren keine schlechten Freunde. Sie wollten ihm helfen. Stattdessen machten sie ihn fertig, ohne es zu wollen. Sie redeten von Gott und seiner Gerechtigkeit auf ihn ein, und redeten an ihm vorbei. Hiob bleibt einsam.
»Ich wollte lieber ersticken, der Tod war mir lieber als dieser Körper.« – Der Tod, sonst das schlimmste, erscheint hier als wünschbare Alternative zu dem, was Hiob erleidet. Nicht vor dem Tod, sondern vor dem Noch-nicht-sterben-Können schreit Hiob seine Worte in die Luft. Vom Leben hat er genug, aber wer so betet, hat auch genug von Gott. Das ist die Wahrheit, die er Gott ins Gesicht schleudert. In seinen Klagen wirft Hiobs Gott mehrmals dasselbe vor, nämlich dass Gott aufdringlich sei. Mit jedem neuen Morgen ist er wieder da. Und auch das Dunkel der Nacht: »Wenn ich dachte: Mein Bett soll mich trösten, mein Lager soll meine Verzweiflung lindern, so erschrecktest du mich mit Träumen und überfielst mich mit Gesichten, so dass ich lieber ersticken wollte, der Tod mir lieber war als dieser Körper.« (Hiob 7,13-16) – Gott werden wir offensichtlich nicht los. Seine Macht ist grösser als unsere List. »Wann endlich blickst du weg von mir?« fragt Hiob (7,19). Manchmal fragen wir gar nicht mehr, sondern tun einfach so, als habe der Ewige seine Augen für immer geschlossen. Wir vergessen ihn.
Es gibt aufdringliche Menschen, die man nicht los wird. Auch den allmächtigen Gott werden wir nicht los. Er ruft sich in Erinnerung, sei es im Antlitz unserer Mitmenschen, sei es im Seufzen über uns und unser Schicksal, sei es in den Albträumen der Nacht. Und dann fragt man sich, ob er wirklich der liebe Gott sei oder nicht vielmehr ein Plaggeist. Luther hatte wohl recht, als er schrieb: »Gott kann nicht Gott sein, er muss zuvor ein Teufel werden, und wir können nicht gen Himmel kommen, wir müssen vorher in die Hölle fahren, können nicht Gottes Kinder sein, wir werden zuvor des Teufels Kinder. Es ist aber damit noch nicht aller Tage Abend. Es heisst doch zuletzt: Seine Güte und Treue waltet über uns.« – Keinesfalls will ich Ihnen zum Bettag den Teufel verkündigen. Es geht um Gottes Güte und Treue, die auch durch Hiobs Klage zuletzt durchklingen. Aber lassen wir Hiob! Wir können uns mit ihm nicht vergleichen. Die Bibel liebt Extremfälle. Wir gleichen ihm nur am Rande. Hiob starb alt und lebenssatt. Lassen wir ihn!
Er starb. Gott aber lebt. Und das, was Hiob ihm ins Gesicht schleuderte, war die Wahrheit über Gott. Was ist das für ein Gott, der sich so anpöbeln lässt? Der sich das anhört, der muss noch eine andere Seite haben ausser Allmacht und Allgegenwart. »Warum hast du mich dir zur Zielscheibe gemacht, dass ich mir selbst eine Last bin?« (7,20) – Ja, diesem Gott können Menschen zur Last werden. Und er ist in der Lage, diese Last zu tragen. Er schüttelt sie nicht ab. Er ist sogar seinem innersten Wesen nach ein Lastenträger.
Das bleibt auch dem empörten Hiob nicht verborgen. Merkwürdig, immer dann, wenn er Gott seine Gegenwart übel nimmt, und ihn am liebsten abschütteln möchte, merkt er, dass in Gottes Gegenwart noch etwas anderes wirksam ist als blosse Allmacht. Nämlich die Macht des Herzens. Gottes Allmacht kennen, das ist das Eine. Aber Gottes Herz kennen, das ist das Andere. Ohne dieses Andere kennen wir Gott nicht.
Gottes Herz ist es im Grunde, das uns verfolgt. Seine Sorge und Fürsorge ist es, die uns nicht aus den Augen lässt. Big brother is watching you? – Ja, vielleicht, aber nicht, um uns zu kontrollieren, sondern um uns zu begleiten. Seine Fürsorge reicht so weit wie seine Macht. Und sie verfügt über ebenso viel Energie. Deshalb: Ruft Gott herab, indem ihr zu ihm hinaufschreit! Nicht nur am Bettag. Er, der alles kann, kann doch eines nicht: Die Ohren und das Herz verschliessen, wenn ein Mensch nach ihm ruft. Deshalb bleiben wir bei ihm. Wir bleiben bei Gott und Christus, wie die Reben am Weinstock, damit wir Trost bekommen und irgendwie Frucht bringen.
Zürcher Bote, Dank-, Buss- und Bettag 2017

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