In sich gehen

Da ging er in sich und sagte: Wie viele Tagelöhner meines Vaters haben Brot in Hülle und Fülle, ich aber komme hier vor Hunger um. (Lukas 15,17) – Der jüngere Sohn im Gleichnis, das ich unlängst (WW 23) erläutert habe, «ging in sich», als er sich wegen Ausschweifungen und Misswirtschaft im Dreck befand. Im griechischen Urtext steht genau das: Das Allerweltswort «gehen», die Präposition «in» und schliesslich «sich selbst». Der Ausdruck «eingehen, hineingehen» ist in der Bibel durch den jahrhundertelangen Gebrauch mit Sinn aufgeladen. Im Alten Testament kann er einen Chorauftritt, das Eintreffen von Waren oder Menschen, der Gang aufs Gericht, einen Amtsantritt oder das Hereinbrechen einer Katastrophe bedeuten. Hinzu kommen zwei geheimnisvolle Bereiche, nämlich das Eingehen Gottes beim Menschen, und das sexuelle Eingehen des Mannes bei der Frau. An ihnen wird deutlich, dass das Hineingehen die Seinsweise verändert, bis dahin, dass jemand in Ekstase gerät. Eine Veränderung, wenn auch nicht ekstatisch, bedeutet auch jede der erstgenannten Anwendungen. In jedem Fall eröffnet sich ein neuer, geheimnisvoller Bereich oder Lebensabschnitt.
Das geschieht auch beim Hineingehen in sich selbst. Es scheint das Gegenteil der modernen Lieblingsbeschäftigung zu sein, nämlich ausgehen, entdecken, reisen. Unsere extravertierte Kultur will alles gesehen haben und bezahlt für die Aussicht bei Mietwohnungen stattliche Prämien. Das täuscht darüber hinweg, dass auch die Einsicht in sein Inneres hochinteressante Erinnerungen, Neurosen und Verknüpfungen erschliesst. Sich dafür Zeit zu nehmen und Ruhe zu gönnen, heisst denken. Das scheint so nebenbei abzulaufen wie Hintergrundmusik. Ein Irrtum. Denken erfordert das ganze Wesen. Martin Heidegger war gar der Meinung, wir müssten es lernen. Wir lernen es, indem wir auf das achten, was es zu bedenken gibt. Denken hängt sprachlich mit danken zusammen. Wer in sich geht, entdeckt Gottes Spuren und neue, gangbare Wege. Das könnte Dankbarkeit wecken.
Weltwoche 26/2019

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