Gedenken und begreifen

Denke an die Tage der Vorzeit, begreift die Jahre der vergangenen Generationen. (Deuteronomium 32,7) – Ostern und Pfingsten sind christliche Gedenktage. Die Christenheit vergegenwärtigt sich die Auferstehung der Toten, und dass ohne den Heiligen Geist nichts geht. Auch weltlichen Ereignissen sind Gedenkfeiern gewidmet. Die letzten Jahre gedachte man des Ersten Weltkriegs, und bald wird das Ende des Zweiten Weltkriegs 75 Jahre zurückliegen. Gedenkanlässe sollen dazu beitragen, aus der Vergangenheit zu lernen. In den Ersten Weltkrieg stolperten die Grossmächte wie Schlafwandler (Christopher Clark). Die Niederlage von Hitlerdeutschland erscheint, nachdem sich der Glaube an das Gute im Menschen wieder aufgerappelt hat, fast als Naturgesetz. In Wirklichkeit siegten die Sieger nicht, weil sie gerechter waren. Ausschlaggebend waren das Wohlwollen der Amerikaner und ein paar gnädige Zufälle, etwa Hitlers Wahnsinn und die Fehler der Deutschen. Es hätte anders kommen, die europäische Zivilisation hätte aus Europa verschwinden können. «Die Geschichte arbeitet ohne Sicherheitsnetz.»
Dieser Satz von André Glucksmann wäre ein möglicher Lernstoff. Umso mehr, als romantische Herzen sich vertrauensselig auf Sicherheitsnetze verlassen: Auf den Sozialstaat, die Europäische Union und die Europäische Zentralbank. Eine kurze Reise durch die französische oder italienische Provinz genügt, um die Risse im sozialstaatlichen Netz zu entdecken. Die EU ist entgegen einer weit publizierten Ansicht nicht die Ursache des Friedens, sondern deren Folge. Und die EZB hat Target-Salden (Trans-European Automated Real-time Gross Settlement Express Transfer System) von einer Billion Euro, grösstenteils zu Lasten von Deutschland, angehäuft. Sie sind zinsfrei und ohne Rückzahlfrist. Solche «Sicherheitsnetze» bilden den Stoff, aus dem schon viele Konflikte gemacht waren. An die Vorzeit zu denken, wäre klug. Und auch daran, angesichts der menschlichen Torheiten stärker auf den guten Geist Gottes zu setzen.
Weltwoche 20/2019

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