Grundlose Liebe

So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe. (Johannes 3,16) – Die im Urtext verwendete Vergangenheitsform hat geliebt schildert keinen Dauerzustand, sondern ein einmaliges Ereignis. Gott hat einst geliebt, und zwar den Kosmos. Erstaunlich an dieser Liebe ist, dass der Kosmos, so weit er die Menschen betrifft, Gott ablehnend, oft geradezu feindlich gegenüberstand. In zahlreichen Ereignissen durch alle Epochen und Kulturen hindurch haben Menschen die Würde Gottes an sich gerissen. Zwar ist der Kosmos von Gott geschaffen und nicht a priori böse. Gott gab ihm auch keinen Anlass zur Feindseligkeit. Im Gegenteil: Er schloss mit ihm einen Bund. Aber die Welt erkannte Gott nicht (Joh 1,10). Deshalb erkennt sie auch sich selbst nicht als Gottes Schöpfung.
Für manche Religionen ist der Kosmos genetisch aus der Gottheit hervorgegangen. In der Bibel ist es so weder erzählt noch gedacht. Die Schöpfung ist einzig in Gottes freiem Willen begründet. Sie hat keinen Anspruch auf seine Liebe. Liebt Gott die Welt und die Menschen dennoch, so lässt sich das nicht logisch herleiten. Schlussfolgerungen spielen in der Wissenschaft und im Alltag eine wichtige Rolle. Die Liebe Gottes hingegen ist ein unbegründetes Axiom. So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er auf die Zurückweisung ganz anders reagierte als zu erwarten war. Logisch wären Anklage, Verurteilung, Strafe gewesen. Das geschah nun durch ein Geschenk. Erleuchtung? Bereicherung? Gott gibt mehr als das, nämlich seinen einzigen («monogenes») Sohn. Dieser ist nun «genetisch». Gott gibt also sich selbst. In dieser Hingabe besteht die Verbindung mit Gott. Und wer an den Sohn glaubt, wird in dieser Gabe das offene Fenster zum ewigen Leben erkennen.
Weltwoche 3/2022

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