Wissen wir es?

Denn wir wissen, dass Christus, einmal von den Toten auferweckt, nicht mehr stirbt; der Tod hat keine Macht mehr über ihn. (Römer 6,9)

Dieser Satz atmet eine ungeheure Gewissheit: «Wir wissen es.» Das lässt aufhorchen, wo doch in der Bibel sonst ständig von Glauben die Rede ist. Aber vielleicht sind Glauben und Wissen gar nicht so weit auseinander. Auch die Naturwissenschafter bauen ihre Kenntnisse auf einem Sockel auf, der aus Glauben besteht. Sie glauben an ihre Messsysteme, an ihre Wahrnehmung und an die Naturgesetze. Etwas frech könnte man sagen: Sie glauben zu wissen. Und in der Kirche weiss man zumindest, dass man glaubt.
Paulus nimmt hier kein Blatt vor den Mund. Nichts von dem, was heute die Kirche kennzeichnet: Weder Verzagtheit noch Verunsicherung, noch Hemmung vor dem Bekenntnis. Paulus flüstert nicht, er ruft. Dieser Satz aus dem Römerbrief eignet sich weder fürs Kabarett noch als Schnitzelbank. Paulus meint es ernst. Nur wenn er diesen Satz ernst meint, kann daraus Freude und Heiterkeit entspringen.
Dem Tod und seinen Gehilfen würde es freilich so passen, wenn man aus der Auferstehung Jesu Christi eine Schnitzelbank machen würde. Oder eine sentimentale Story und am Ende womöglich eine Moral. Besser könnte die Sünde nicht triumphieren, als wenn Gott gerade noch im Kabarett und im Chilbi-Gedudel vorkäme. Nicht diese Töne! Die haben auch ihren Platz und ihren Sinn. Aber hier geht es nicht um alte Ohrwürmer, sondern um Zukunftsmusik. Wenn es Zukunftsmusik überhaupt gibt, dann gewiss am Ostermorgen zur Begrüssung des neuen Menschen, über den der Tod nichts mehr zu melden hat.
Das müsste freilich eine Musik sein – nicht nur für Orgel geschrieben, sondern für die ganze Schöpfung, für jede seufzende Kreatur, sodass alle Welt einstimmen und – sei es unter Tränen – jauchzen kann: Ein neuer Mensch ist da, geheimnisvoll uns allen weit voraus, aber doch eben da. Nein, das kann man nicht flüstern. Das ist kein Geheimtipp. Es ist zwar ein Geheimnis, verträgt aber keine Geheimnistuerei.
Paulus spricht das ganz ungeniert aus: «Denn wir wissen, dass Christus, einmal von den Toten auferweckt, nicht mehr stirbt.» Wir können und sollen ihm das nachsprechen. Staunend, vielleicht etwas unsicher, aber ebenso ungeniert: Jesus Christus, dieser zugrunde gerichtet Mensch ist auferstanden von den Toten. Zwar gab und gibt es viele, die umsonst gestorben sind. Aber als einer von vielen ist er nun Hoffnung für alle. Denn Auferstehung heisst: Gott hat sein ewiges Leben mit diesem toten Menschen geteilt. Damit haben der unsterbliche Gott und die sterbliche Menschheit eine gemeinsame Zukunft. Er lebt und wir sollen auch leben. Dazu kann man Freund und Feind beglückwünschen. Denn wenn der Tod überwunden ist, so werden auch die Gräben zwischen den Lebenden zugeschüttet.
Das betrifft uns nicht erst dann, wenn der Tod seine Schatten über uns wirft. Die Herrschaft des Todes beginnt vorher. Etwa dort, wo man nicht mehr helfen will. Weil nichts zurückkommt. Nicht mehr helfen zu wollen hat etwas Tödliches. Auch dort, wo man blindlings helfen will, um ein guter Mensch zu sein. Und auch dort herrscht der Tod, wo man sich nicht mehr helfen lassen will, weil man der Hilfe misstraut. Misstrauen und Vertrauen verändern sich wie Gewölk. Eine Brise von Liebe, Wertschätzung und Zuwendung vermag eine ganze Decke von Misstrauen wegzublasen. Manche wollen sich nicht helfen lassen, weil sie zu stolz sind. Sich nicht mehr helfen zu lassen hat etwas Tödliches.
Dass der Tod erst eintrete, wenn das Leben aufhört, ist ein Klischee. Der Tod ist längst in unser Leben eingetreten und treibt sich überall herum. Wo menschliche Beziehungen zerbrechen, wo man kein Wort mehr füreinander übrig hat, wo man am selben Tisch beziehungslos nebeneinander sitzt, wo der Hass das Bild von anderen Menschen und Kulturen bestimmt – da schleicht sich der Tod herbei. Die Menschheit ist von seiner schleichenden Herrschaft gezeichnet. Zuerst ist man jung, voller Zukunft und Optimismus, knüpft Beziehungen und pflegt sie – bis dann etwas nicht mehr geht. Mit der Zeit tauchen mehr Dinge auf, die nicht mehr gehen, und im hohen erleben wir vielleicht, wie überhaupt nichts mehr geht. Wir wünschen uns zwar ein langes Leben. Aber wir wünschen uns keine Hinfälligkeit. Das ist ein Widerspruch.
Zu Ostern beginnt eine andere Geschichte. Es ist die Geschichte des Sieges über den Tod, der auf uns lauert. Lassen wir ihn lauern. Der Sieger über den Tod wartet dort auch. Der Tod hat nicht das letzte Wort. Zwar nimmt er es sich. Aber es kommt auf Jesus Christus an. Er ist auferweckt von den Toten und hat das letzte Wort. Der Anfang, den er gesetzt hat, will überall eindringen in unsere Welt. Er will neue Beziehungen und Verhältnisse schaffen. Vor allem da, wo sonst keiner mehr helfen kann. Er hilft uns beim Sterben. Und er hilft uns gegen den schleichenden Tod, der sich herumtreibt, wo er nichts zu suchen hat.
Wer im Tode hilft, der hilft erst recht im Leben. Unsere Worte und Taten will er eintauchen in seine Auferstehung. Und was eingetaucht ist, das tropft. Die Spuren, die er hinterlässt, sind wie Tropfen überall sichtbar. Diese Spuren weisen in die Zukunft: Hinter ihm her. Hinter ihm her kann man nur vorwärtsgehen, wenn man nicht hoffnungslos in der Vergangenheit stecken bleiben will.
Aber was ist mit unseren Fragen, Zweifeln, Skrupeln und unzähligen Bedenken? Der Glaube nimmt sie mit, um sich mit ihnen unterwegs auseinanderzusetzen. Keine Frage wird abgewiesen. Ja, der Glaube ruft selber sogar die Fragen und Zweifel hervor, um sie mit dem Auferstandenen zu konfrontieren. Dann wird allerdings Jesus Christus auch uns Fragen stellen und seine Zweifel äussern. Und eine diese Fragen wird sein, ob wir aufhören, Dienstboten des Todes zu sein. Jesus Christus ist auferstanden, und die Menschheit tötet weiter mit Gedanken, Worten und Schüssen. Den Spuren der Auferstehung nachgehen, heisst etwas anderes, nämlich überall die Dienstboten und Handlanger des Todes aufzuspüren und aufzuscheuchen, damit der Tod sein trauriges Handwerk ohne menschliche Hilfe besorgen muss. Es soll nicht mehr über seine dunkles Milieu hinauslangen können. Er soll nicht mehr herrschen mitten im Leben. Seine Herrschaft und seine Einschüchterung findet nur ein Ende, wenn niemand mehr mit ihm zusammenspannt. Denn solches Zusammenspannen ist eine Verschwörung gegen das Leben: Die Todesstrafe, der Hass und die ethnische oder religiöse Säuberung sind die makabren Endpunkte eines Weges, der mit bösen Gedanken und vernichtenden Worten beginnt. Die Auferstehung Jesu Christi erklärt diesen Weg für ungangbar.
Ostern ist mehr als der Osterspaziergang. Ostern ist ein Aufbruch ohne Ende. Wer mitmacht, beginnt ein neuer Mensch zu werden. Und wo das geschieht, da wird immer auch ein Stück von der alten Welt mitgerissen. Da bleibt es auch zu Hause nicht beim alten. Und die alte Geschichte mit den vernichtenden Worten und kraftlosen Taten ist dann wirklich reif für das Kabarett und für das Gedudel einer Chilbi.
Erschienen im Zürcher Boten zu Ostern 2015

2 Kommentare

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