Geistige Nothilfe

In allem sind wir bedrängt, aber nicht in die Enge getrieben, ratlos, aber nicht verzweifelt, verfolgt, aber nicht verlassen, zu Boden geworfen, aber nicht am Boden zerstört. (2. Korinther 4,8f) – Paulus redet die unerfreulichen Ereignisse nicht schön. Sie können jeden Menschen treffen, deshalb gibt es Abwehrmassnahmen. Die einfachste ist, dass ich mich nicht jedem unnötigen Risiko aussetze. Werde ich krank, kann ich mich behandeln lassen. Werde ich bedrängt oder verfolgt, so kann ich dem Druck ausweichen, indem ich gewisse Begegnungen vermeide. Aber vielleicht genügt das nicht. Womöglich muss ich mein Verhalten anpassen und auf missliebige Äusserungen verzichten. Dann befinde ich mich in einer beklemmenden Güterabwägung: Ist mir meine Überzeugung so viel wert, dass ich Nachteile oder gar Qualen hinnehme? Es ist schwierig, sich im Voraus einzuschätzen. Nicht jeder bringt im Ernstfall die Standhaftigkeit auf, die er sich zugetraut hatte. Die Erfahrungen der letzten Jahre zeigen, dass bewährte Prinzipien rasch über Bord gehen, wenn ein Sturm bläst: Zwischenmenschliches Vertrauen, Toleranz, Teile der Rechtsordnung, die Trennung von Staat und Wirtschaft, die Freiheit. Dadurch lassen sich Scherereien kurzfristig abwenden, werden jedoch meist auf später oder anderswohin verschoben. Ausweichmanöver gegenüber Widrigkeiten ziehen oft zähere Widrigkeiten nach sich. Deshalb gibt Paulus einen andern Rat: Denk daran, ratlos ist noch nicht verzweifelt, hingeworfen ist noch nicht zerstört. Du erträgst mehr als du denkst. Und indem du Widerstand leistest, prägst Du die Verhältnisse mit. Wo alles sich zu drehen scheint, bleibt der Polarstern stabil und zeigt die Richtung an. Das ist ein Gleichnis für Gott. Er begleitet dich an die Tiefpunkte und stattet dich mit dem Not-wendigen aus.
Weltwoche 6/2022

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