Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige; ich war tot und siehe, ich lebe in alle Ewigkeit, und ich habe die Schlüssel des Todes und der Unterwelt. (Offenbarung 1,17b-18) – Die Begegnung mit der Wirklichkeit Gottes ist in den meisten Religionen von einem Schaudern begleitet. Deshalb beginnt die Begegnung mit dem Zuspruch, sich nicht zu fürchten. Angesichts der Heiligkeit muss sich der sündhafte Mensch nicht auflösen, auch wenn er zunächst wie tot umfällt. Denn der mächtige Gott ist auch der Gott der fürsorglichen Liebe. Die Spannweite findet darin Ausdruck, dass er der Erste und der Letzte, der Schöpfer und Vollender des Daseins ist. Und ein Drittes kommt hinzu: Er ist der Lebendige. Also Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart. Schon im Alten Testament wird Gott zuweilen der Titel «Der Lebendige» zugeschrieben. Die Übertragung dieser Bezeichnungen auf Jesus setzt voraus, dass er seit jeher mit Gott lebt. Seine Nähe zu Gott umspannt die Geschichte. Das Totenreich ist der griechische Hades, von Luther mit Hölle übersetzt. Dort sind die Toten von den Lebenden getrennt durch den Erdhügel, durch ein Tor und einen Fluss. Hat nun Christus die Schlüssel in der Hand, so ist die Trennung nicht hermetisch und der Tod verliert seinen Schrecken. Für den Menschen der Antike weckte ja der Tod die grösste Angst; für den mittelalterlichen Menschen war es die Verdammnis, und für den neuzeitlichen Menschen ist es, wie mir scheint, die Sinnlosigkeit. Wir beschleunigen unsere Gangart laufend, um den Lebenssinn einzuholen. Ähnlich wie Bertolt Brecht über das Glück schrieb: Alle rennen nach dem Glück, das Glück rennt hinterher. Auch der Sinn rennt hinterher. Sinnvoll ist das gegenwärtige Dasein im Angesicht Gottes. Es ist ein Geschenk und reicht über den Tod hinaus.
Weltwoche 14/2026