Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden. (Psalm 90,12) – Nicht selten höre ich sagen, der Tod werde heutzutage verdrängt. Da ist was dran, und es hat seine Gründe. Vor 150 Jahren starben jährlich knapp drei Prozent der Bevölkerung, heute weniger als ein Prozent. Ein Dorf mit 5000 Einwohner sah also damals drei Beerdigungen pro Woche, heute nur eine. Manchmal unternehmen die Ärztinnen enorm viel, um ein Leben zu verlängern. Und zuweilen weiss man nicht, was man einem hinfälligen Patienten mit schlechter Lebensqualität wünschen soll. Martin Luther äusserte sich dazu in einer Schrift, deren Titel ich fast wörtlich übernommen habe. In Wittenberg wütete die Pest, und die Frage war, ob die Pfarrer wegziehen oder bleiben sollen. Luther blieb, übrigens wie Zwingli und viele andere. Sie waren angeschlagen, wurden aber gesund. Luther forderte das Ausharren der Amtsträger, auch der politischen, damit sie ihrem Auftrag nachkommen. Standfestigkeit ist die Kernkompetenz jeder Amtsperson. Manche Politiker beugen sich, auch wenn ihnen nicht der Tod, sondern nur die Unbeliebtheit oder die Abwahl droht.
Trotz der Unerschrockenheit gegenüber dem Tod ruft die Bibel dazu auf, unter gewöhnlichen Umständen Krankheiten zu lindern und das Leben zu erhalten. Zur Nächstenliebe gehört, dass man sich um Kranke kümmert (Mat 25,36). Das Alte Testament erzählt ausserdem von Leuten, die vor ihrem Widersacher fliehen, um ihr Leben zu schützen. Die heutige Spitzenmedizin heilt Krankheiten und schenkt segensreich Lebensjahre, oft sogar Jahrzehnte. Trotz alledem werden wir nicht unsterblich. Wenn die Umstände es erfordern, soll man versuchen, seinen Tod gelassen hinzunehmen. Dazu gibt es einen guten Grund: Die Zusage, dass Gott über den Tod herrscht und die Verstorbenen zu neuem Leben erweckt.
Weltwoche 7/2026