Der Leichenwagen der Demokratie

Jesus kommt zum Grab. Es war eine Höhle, und davor lag ein Stein. Jesus spricht: Nehmt den Stein weg! Marta, die Schwester des Verstorbenen, sagt zu ihm: Herr, er stinkt schon, denn er ist vier Tage tot. (Johannes 11,38f) – Die Geschichte von der Auferweckung des Lazarus ist einer von mehreren Hinweisen darauf, dass Gott über den Tod herrscht und ihn überwinden kann. Das gehört zum Kern des christlichen Glaubensbekenntnisses. Beweisen kann man es nicht, doch gibt es Ereignisse, die in die gleiche Richtung deuten: Schwerkranke werden gesund, Feindschaften werden beigelegt, Schreckensherrschaften verschwinden oder lindern sich von selbst, untergegangene Rechtsordnungen tauchen wieder auf, eine ausgestorbene Sprache wird auferweckt. Gegenwärtig beobachten wir den Hinschied der europäischen Demokratien. Schätzungen zufolge hat das deutsche Parlament 80% seiner Zuständigkeiten an die demokratiefreie Europäische Union abgetreten. Auch in der Schweiz will die Classe politique weite Teile der Souveränität des Landes dem Rahmenvertrag mit Brüssel opfern. Auf eine solche Idee kommt nur, wer die Demokratie für tot hält und sie – wie jede Leiche – beseitigen will. Zwar ist die Demokratie manchmal mühsam, bleibt aber dennoch unter allen Systemen das kleinste Übel und verströmt keinerlei Leichengestank. Offensichtlich stinkt sie der Elite, sodass diese nun den Bundespräsidenten nach Brüssel schickte, um die Beisetzung der Schweizerischen Demokratie anzumelden. Er tat es wohl contre-coeur und hofft wie viele Schweizer auf ihre Auferweckung, egal ob sie tot oder scheintot ist. Auch wenn der Leichenwagen bestellt ist, ist es nicht zu spät, das freiheitliche, menschenfreundliche und erfolgreiche Konzept der Schweiz weiter leben und den Brüsseler Demokratie-Friedhof auf sich beruhen zu lassen.
Weltwoche 12/2026

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