Das Freiheits-Dilemma

Denn zur Freiheit seid ihr berufen worden, liebe Brüder und Schwestern. Auf eins jedoch gebt acht: dass die Freiheit nicht zu einem Vorwand für die Selbstsucht werde, sondern dient einander in der Liebe! (Galater 5,13) – Als libertär gesinnter Zeitgenosse ist mir die Freiheit des Einzelnen enorm wichtig. Als Christusgläubiger und Theologe weiss ich aber, dass dem Menschen Kräfte innewohnen, denen man nicht freien Lauf lassen kann. Es gibt also ein Paradox der Freiheit, auf das der Apostel Paulus hinweist. Ohne Einschränkungen stünde es dem Starken frei, den Schwachen zu tyrannisieren und ihn seiner Freiheit zu berauben. Deshalb ist es richtig, dass eine übergeordnete Instanz die Freiheit einschränkt, um jedermanns Freiheit zu schützen. In den Anfängen des Kapitalismus mit der völlig freien Wirtschaft waren zahlreiche Kinder wie der achtjährige William Wood in London gezwungen, 15 Stunden täglich zu arbeiten. Karl Marx protestierte zu Recht dagegen, und die Sozialgesetzgebungen schufen Abhilfe. Dennoch gelangten in einigen Ländern die Marxisten an die Macht. Sie tarierten die Freiheit nicht zum Wohl aller aus, sondern beanspruchten sie ausschliesslich für die Regierungspartei und versetzten das Volk in einen sklavenähnlichen Zustand. Die Machthaber sind erfinderisch, wenn es darum geht, die Freiheit der Bürger zu beschneiden oder einzustampfen. Die Pandemie, die Klimakeule, die Gleichstellung, manche Naturereignisse sowie die Europäische Union dienen diesem Zweck. Die Freiheit ist einem stetigen Seilziehen ausgesetzt. Zu ihr berufen sind aber alle. Was sie legitim einschränkt, ist die Liebe und die Wachsamkeit, dass sie nicht in Selbstsucht ausarte. Bei sorgfältiger Erwägung würde das genügen, um die unterschiedlichen Freiheitsfeinde von Stalin bis von der Leyen zur Besinnung zu bringen.
Weltwoche 11/2026

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert