Wenn das Objekt zum Subjekt wird

Wehe dem, der rechtet mit dem, der ihn gestaltet hat: eine Tonscherbe unter irdenen Scherben! Sagt denn der Lehm zu dem, der ihn gestaltet: Was tust du? (Jesaja 45,9) – Der Prophet schildert eine groteske Szene, in der sich totes Material, hier Ton, gegen den Töpfer auflehnt. Das Gleichnis weist natürlich auf Gott und den Menschen. Gott hat den Menschen geschaffen und ihn in die von ihm geschaffene Welt gesetzt. Hier soll er leben, arbeiten, lieben, geniessen. Dass wir Menschen in den nächstliegenden Angelegenheiten oft versagen, ist eine Binsenwahrheit. Aber es gibt ein Versagen, das schwerer wiegt: Sich selbst über Gott hinweg aufzuschwingen und alle Grenzen zu überschreiten. Es taucht in vielfältiger Gestalt auf und strebt Bereicherungen an bis hin zum Paradies auf Erden; es bricht zusammen und erscheint wieder in anderer Kleidung. In der Neuzeit hat es ungeahnte Dimensionen erreicht, die schon vor Jahrzehnten Skepsis weckten. Mahner wiesen auf die Grenzen hin, wo der Schaden den Nutzen übersteigen könnte. Dass wegen der Ressourcen demnächst die «Grenzen des Wachstums» erreicht wären, erscheint heute als widerlegt, trifft aber dennoch etwas Richtiges. Denn das gemessene Wachstum an Gütern und Leistungen ist teilweise Magie. Wenn zwei Mütter ihre Kinder austauschen und sich jede als Tagesmutter entschädigen lässt, wächst das Bruttoinlandprodukt. Und wenn die Alchemisten in den Notenbanken Papiergeld herbeizaubern, entsteht ein nominales Wirtschaftswachstum. Und übrigens ein Kriegswachstum. 1914 war der Krieg unwahrscheinlich, weil er zu teuer wäre. Um ihn dennoch zu finanzieren, liessen die Länder den Goldstandard fallen. Damit waren die Grenzen beseitigt. Der Lehm hatte sich gegen den Töpfer durchgesetzt. Die Folge nennt der Prophet auch: ein Scherbenhaufen.
Weltwoche 10/2026

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