Das Schaf und die Löwen

Israel ist ein versprengtes Schaf, Löwen haben es auseinander getrieben. Der erste hat es gefressen: der König von Assur, und dieser, der letzte, hat seine Knochen abgenagt: Nebukadnezar, der König von Babel. (Jeremia 50,17) – Der nördliche Teil Israels war längst den Assyrern zum Opfer gefallen. Jeremia wirkte im Südreich Juda von 627 bis 587 v.Chr. Angesichts der Grossmächte war die Frage nach dem Überleben Judas ein Albtraum. Juda war winzig und schwach wie ein Schaf, und seine Gefährdung bringt der Prophet mit der Gefrässigkeit der Imperien drastisch zum Ausdruck. Für manche Propheten verkörperten die bedrohlichen Grossreiche den Zorn Gottes, den sich die Juden durch religiöse Untreue und politische Fehlleistungen zugezogen hatten. Zwar anerkannte Jeremia die Reformbemühungen des Königs Josia, aber sie konnten den Fall des Südreiches nicht abwenden. Jeremia und andere Propheten haben vor untauglichen Allianzen gegen die Grossmächte gewarnt. Das Problem, das die kleinen Länder mit ihnen haben, zieht sich durch die Geschichte bis heute. Blättert man im Historischen Atlas, so findet man durchwegs gigantische Reiche neben kleinen und winzigen Ländern. Die Giganten dehnen sich gerne aus. Man muss sie nicht mögen, aber sie sind da. Was tun?
Am besten das gleiche wie die Schafe gegen die Raubtiere: Nicht auffallen, sich verstecken, im Notfall bittere Kompromisse eingehen, und ausserdem: Sich für den Gefrässigen schwer verdaulich machen wie giftige Frösche. Dem entspricht die Bewaffnung. Im Übrigen haben auch Imperien ein Verfalldatum. Die babylonische Weltmacht überdauerte den Tod Nebukadnezars nicht lange. Die klügste Durchhalteparole lautet deshalb für die heutige Schweiz: Gottvertrauen, Neutralität, Unabhängigkeit, Bewaffnung. Weil wir die Landkarte von morgen nicht kennen.
Weltwoche 6/2026

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