Anfällig auf Kitsch

“Ihr gebt den Zehnten von Minze, Dill und Kümmel, lasst aber ausser acht, was schwerer wiegt im Gesetz: das Recht, die Barmherzigkeit und die Treue. Dies aber sollte man tun und jenes nicht lassen.” (Matthäus 23,23) Bibelverse wie dieser werden oft mit dem Schwerpunkt Heuchelei und Moralismus ausgelegt. Ich setze den Akzent einmal anders: Jesus kritisiert hier den Kitsch. Unter Kitsch versteht man billig hergestellte Produkte, die als etwas Edles erscheinen und höhere Werte vortäuschen sollen. Nicht jeder kann sich die höheren Werte leisten. Es gibt nicht nur künstlerischen, sondern auch politischen, ökologischen und religiösen Kitsch. Religionen sind anfällig darauf, weil Inhalte wie «Recht, Barmherzigkeit und Treue» zu wenig griffig sind. Manchmal hilft der Kitsch über geistlose Wegstrecken und Krisen hinweg. Aber er darf nicht das letzt Wort haben. Beispiele für den politischen Kitsch bieten Diktaturen von Hitler bis Kim Jong Un. Je tiefer die Misere reicht, desto geschmackloser werden die Plakate, Parolen, Aufmärsche und Uniformen.
Kitsch ist ein Indikator für Überforderung. Überfordert ist jeder, der die Nachrichten einigermassen mitkriegt. Urwaldrodungen, aussterbende Tierarten, Kriege, Unterdrückungen, Hungersnöte, oft mit Andeutungen vermischt, ich sei mitschuldig. Was soll ich tun? Um den Weltschmerz erträglicher zu machen, helfen ästhetische Inszenierungen wie Schweigemärsche, Lichterketten und Mahnwachen. Sie erheischen Respekt, anders als eine Parlamentsstürmung, die ebenfalls kitschig, aber weniger harmlos ist. Die Kirchen bieten heute weniger Kitsch am Bau, dafür an Grossveranstaltungen wie Kirchentagen. Kitsch ist bestenfalls eine Verlegenheitsantwort. Er muss und wird dem Recht, der Barmherzigkeit und der Treue weichen. Und auch der Freiheit.

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